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Was ist die Schlawerie?
Zur Entstehung des Neunkircher Ortsteils „Schlawerie“ und zur Deutung des Namens – Teil 3 von Walter Petto
lich romanischer Abstammung. Ganz alte Leute erzählten mir, dass in ihrer Jugend noch mehrere dieser Hütten bestanden, die nicht nur äußerlich, sondern auch von innen einen fremdartigen Eindruck erweckten. Tische und Betten waren an den Wänden befestigt und zum Um- klappen eingerichtet. In die Tische waren muldenartige Vertiefungen eingeschnitten, die die Teller ersetzten. Große, von Stein aufgeführte Feuerstellen mit weitem vor- springendem Rauchfang, worin ansehn- liche, an Ketten befestigte Kessel hingen, dienten der Bereitung der einfachen Mahl- zeit. Die Hauptbeschäftigung der ersten „Schlaverier“ soll Schaf- und Ziegen- zucht gewesen sein; auch fertigten sie aus Weidengeflecht zierliche Körbe und ähn- liche Dinge, für die sich viele Abnehmer fanden.
Quellennachweis: 14 Ludwig Prinz: Die Flur- und Ortsnamen der Kreise Ottweiler, Saarbrücken, St. Wendel. Inaugural-Dis- sertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Uni- versität Köln, 1927, S. 217 15 Schaet- zing (wie Anmerkung 6) S. 138 16 Kurt Hoppstädter: Woher kommt der Name Schlawerie? in: Saarbrücker Zeitung Nr 53 (Lokalanz. für Neunkirchen-Ottweiler-St. Wendel) vom 05.03.1949. 17 Wingert (wie Anmerkung 1), Hüttenzeitung S. 5
Mitteilung über den nächsten Vor- trag: Die Restrukturierung der saar- ländischen Stahlindustrie Von der Restrukturierung der saarländischen Stahlindustrie handelt der Vortrag im April des Historischen Vereins Stadt Neunkirchen. Den Vortrag hält unser Vorstandsmitglied Dr. Otto Goergen, lange Jahre in der techn. Leitung des Eisenwerkes tätig. Der Vortrag findet am 2. April bei der VHS, Marienstr. 2 um 19 Uhr statt. Nichtmitglieder zah- len 3€, Gäste sind herzlichst willkom- men.
Versuche der Namensdeutung sind nur bekannt für Friedrichsthal und Neunkirchen. Dabei ergeben sich zwei Gruppen: die Ableitung vom Verb „schlafen“ und die Assoziation mit den Slawen. Letztere ist in ver- schiedenen Varianten ausgeprägt. Ferner der Verweis auf Hugenotten und Wallonen.
„Schlaferei“ Den ersten mir bekannten etymologischen Erklärungsversuch für die Neunkircher Schlawerie gibt 1927 in sei- ner Flurnamen Dissertation L. Prinz (14): Die Schlawerie Ein Ortsteil, der zur Eisen- hütte gehört. Nicht im Katasteratlas und im Bannbuch von 1770 enthalten. Es scheint eine neuere Bildung zu sein. Vielleicht be- steht ein Zusammenhang mit, “Schlaferei“ (Schlafhäuser). Ein näheres Eingehen auf diese Erklärung erübrigt sich, weil Schlaf- häuser für Gruben und Hütten erst in den 1830er Jahren entstanden, ferner weil eine solches Haus nie als „Schlaferei“ be- zeichnet worden und schließlich weil der Wandel zu Schlawerie ein sprachlicher Ba- lance Akt ist. Die Slawen Theorie Die auf Slawen zielenden Bedeutungserklärungen setzen entweder das Vorhandensein von Slawen voraus oder vergleichen andere vermeintlich fremde Zuwanderer mit Sla- wen, sei es wegen ihres Aussehens oder ihrer Lebensverhältnisse. Als erster führt
Schaetzing (15) für die Friedrichsthaler „Schlaverie“das ein, was ich in der Folge als „Slawentheorie“ bezeichnen möch- te. Unter Hinweis auf das Neunkircher Namensvorkommen ist ihm zufolge zu: ....schließen, dass in den Häusern auch böhmische Glasmacher wohnten, welche man Slaven nannte und danach die Häuser Schlaverie. Hoppstädter (16) weist darauf hin, dass sich böhmische Glasmacher in Friedrichsthal nicht nachweisen lassen. Ausführlich mit der Neunkircher Schlawe- rie beschäftigte sich 1936 der Lokomotiv-
meister Philipp Wingert (17), unter Be- rufung auf die Erzählungen alter Leute. Wörtlich schrieb er: Gegen Ende des 17. Jahrhunderts, zurzeit der Hugenottenver- folgungen in Frankreich, kam eines Tages ein Trupp armer Menschen mit fremd- artigem Aussehen in unsere Gegend. Mit Erlaubnis des Landesherrn siedelten sie sich an dieser Stelle an und schlugen im nahen Bildstocker- und Kohlwald das nö- tige Holz zum Aufbau ihrer einfachen Hütten. Die Zwischenwände wurden mit einem Gemisch aus Lehm und Stroh aus- gefüllt, der Boden aus Lehm gestampft und die Dächer mit einfachem Strohdach versehen. Da die neuen Ansiedler infolge ihres dunklen Aussehens slawischer Ab- stammung schienen, gab der Volksmund der Siedlung den Namen „Slaverie“; tat- sächlich sind die Hugenotten bekannt-
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