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Das „sündige Dorf“ und seine Gaststätten Teil 2

Eine interessante Reise durch das frühere Bexbach

Es gab in Bexbach auch verschiedene Weinwirtschaften. So den „Bexbacher Hof“, später das „Badische Bauernstüble“ (Ganther H., Fam. Kiehl) in der Ludwigstraße (heute: Kolpingstraße mundartlich „Druscheleck“), bekannt durch seine schwäbische Spezialitäten sowie die jahrzehntelang betriebene „Blaue Maus“ Ecke Rathaus- und Uhlandstraße( Didion, Schlosser). Die später entstandene „Elsässer Schnokestubb“ von Helga Schwarz befand sich in der Wellesweilerstraße.

Bei Johann Kirsch gegenüber der katholischen Kirche gab es im Krieg das berühmte „Fliegerbier“,  die damaligen  Betreiber und Verwandten wurden im Volksmund nur „Soldate-Lina und Soldate-Peter“ (Müller) genannt. Als in den 20er Jahren die Hauptstraße kanalisiert und aufwändige Tag+Nacht-Arbeiten verrichtet werden mussten, erbot sich Kirsch, das Lokal für die Arbeiter auch nachts zu öffnen, was dem Lokal den inoffiziellen Namen „Gasthaus zum ewigen Licht“ einbrachte. 
 
Adjunkt August Eisel betrieb ein gleichnamiges Gasthaus mit Tanzsaal, nach seinen Töchtern auch  das „Dreimädelhaus“ genannt. Maria „Eisels Maja“ verheiratete Schuld übernahm nach dem Tod der Eltern den Betrieb, gefolgt von Carola+Karl Ebel und Leni Küster. Hier stieg einstmals der berühmte „Eiserne Gustav“ aus Berlin mit seiner Kutsche ab, wovon ein altes Foto zeugt. Im Saal konnten die heranwachsenden  Bexbacher  seit 1911 von Jakob Denne aus Neunkirchen das Tanzen erlernen. Krönung und Ereignis war der Abschlussball. Auf den obligatorischen Fotos sind unsere Vorfahren in ihren schönsten neuen Kleidern verewigt.
Die „Ampel“ unter Leitung von Willi Ruffing war ebenfalls in der Rathausstraße einige Jahre im Hause Dillmann/Heiß, heute Pamukkale-Kebap, untergebracht.
 
Jakob Ebel betrieb bis in die 40er Jahre den „Lichtburgerhof“. Er hatte ihn von Familie Wienhold übernommen, direkt neben dem ersten, von einem Herrn Licht, später Rickes eröffneten  Kino gleichen Namens gelegen, das bis in die 70er Jahre unter Bernd Hennes weiterlief. 1942 ersteigerte der Neunkircher Gastronom und Borussiaspieler Sepp Lutz (de Knoddeler), mein Großonkel,  mit seiner aus Bexbach stammenden Frau Lina das Anwesen (Stammlokal der KG „Die Blätsch“), gefolgt Mitte der Fünfziger Jahre von den Pächtern Karthein, Huwig und Simon Ede, später Jung, genannt „die Rall“.  Der Schützenverein und auch die Knappenkameradschaft St. Barbara nutzten die Räumlichkeiten als Vereinslokal, auch eine Pizzeria wurde betrieben.
 
„Betze Saal“ war einer der größten Saalbauten der Umgebung, eröffnet im Jahre  1919 u.a. als katholisches Vereinshaus durch Jakob Betz. Der große Saal brannte in den Siebzigern ab, doch im heutigen Geschäftsbereich der ehemaligen „Wirtschaft zur Bavaria“  kann man noch die alte Holzvertäfelung und die schönen Garderobenhaken mit Löwenkopf bestaunen. An der Außenfassade hat sich die siegreiche bayerische Symbolfigur der Bavaria und der Schriftzug „Gasthaus zur Bavaria“ in Stuck erhalten. Pächter waren hier während des Krieges die Eheleute Wilhelm und Paula Albert. Letzter Inhaber war Schreinermeister Hugo Betz.
 
Einige Jahre befand sich  im Anwesen Spenler-Buschlinger das Lokal „Zur guten Laune“, „Sportklause“ (Lensch)  auch eine Eisdiele. Das erste Eiscafe in Bexbach war das „Dolomiti“  in “Paule“ Haus (=Geschwister Weber), später Elektro Essig. Es gab in den 60er Jahren ein weiteres Eis- und Tanzcafe mit Namen „Granada“ unterhalb der jetzigen Tankstelle Severin (heute Brillenglasere). Dort fand Sonntagsnachmittags oft Jugendtanz statt.
 
Traditionsreich ist  bis heute das Hotel-Restaurant  „Zur Krone“, um die Jahrhundertwende von den Eheleuten Franz und Emma Hennes nahe der protestantischen Kirche betrieben. Ein Umbau der 20er Jahre erfolgte im Stil einer fränkischen Weinstube vom „Aaronche“ (Albert Schulz, Bruder des Brasilienmissionars  Ernesto Schulz). Seine Frau, eine aus dem Orden der Mallersdorfer Schwestern ausgetretene Nonne, stammte aus dem Frankenland. Nach dem Krieg übernahm die Grubenverwaltung bzw. Saarbergwerke die Wirtschaft samt imposantem und seit einigen Jahren wieder reaktivierten Festsaal (Wirtin Irma Kullmann), bis Konditormeister und Koch Eugen Demerath und seine Frau Edith nach dem Verkauf des Cafe Zintel in der Bahnhofstraße den großen Komplex erwarben und eine Konditorei und ein  Restaurant samt Hotel einrichteten. Es befindet sich in Familienbesitz (Gabi Demerath-Baschab).
 
An der Ecke Klein- und Kleinottweilerstraße steht ein markantes Gebäude, errichtet von Zimmermeister Friedrich Klein: das „Gasthaus zur Sonne“, später umbenannt wegen des ein wenig unberechenbaren Wirtes Albert  Klein in „Zum wilden Mann“ (Wirte Albert und Wolfgang Klein, Monz, lange Jahre Ulli Becker, Schuchter), heute Thaibistro Bussaba. In der Hochstraße betrieb ein Ableger der Münchwieser Familie Hau in den 60er Jahren das „Westend“ als Café-Konditorei-Hotel, in dem vor allem die Torten guten Absatz fanden  und in der Hochwiesmühlstraße war es die „Blaue Grotte“ mit einem Keller, in dem vorrangig die Bexbach Jugend tanzte. Inhaber war Dieter Schirra.
Die „Hochwiesmühle“, ursprünglich als Pfälzische Geflügelzuchtanstalt von Gustav Kraus samt Badeanstalt (seit 1908) mit Ausflugslokal bewirtschaftet, wurde von Sohn Fritz weitergeführt. Nach den Kriegsjahren  baute Oskar Jungfleisch aus Sengscheid die Räumlichkeiten zu einem gut besuchten Gasthaus um. Fritz Jungfleisch wiederum errichtete ganz neue Gebäude und schuf ein etabliertes, weit über das Saarland hinaus bekanntes Tagungshotel , das leider geschlossen ist.
 
Das „Höhen- oder Turmcafe“, eingerichtet im 6. Stock des heutigen Bergbaumuseums wurde von Julius Wieser geführt. Zur Turmeinweihung 1933 gab es eigens kreierte „Turmschnittchen“. 1939 erfolgte die Einrichtung einer weiteren Gaststube im Turm mit bergmännischen Interieur, „Bunker“ genannt. Beide Turmgaststätten hatten rund 140 Sitzplätze. Nach Kriegsende, im Jahr 1948 erfolgte die Wiedereröffnung des Höhencafes unter Familie Jochum.
Das noch existierende Blumengartenrestaurant, auch “Turmgaststätte“ H. Ehrlich, Neuberger, Schriefel u.a. Auch die Marinekameradschaft Bexbach hatte nahe des Teichs im Blumengarten ein eigenes Lokal,  das „Marineheim“ oder „Leuchtturm“ (Wolf Schorsch), durch Brand zerstört in den frühen achtziger Jahren. Es hatte sein weiteres Domizil im Gasthaus und Restaurant  „Kehr Wieder“ (Hary R.) in der Bliestalstraße,schräg gegenüber vom Turm aber schon auf Niederbexbacher Terrain.  Direkt gegenüber vom Blumengarteneingang hatte in den Räumlichkeiten der ehemaligen Schuh- und späteren Brotfabrik „Trebor“, Brunnenbauer Bernd Kiesel ein  kleines Lokal mit sonntäglichem Tanzangebot, die Brunnenstube.
 
Nicht zu vergessen sind die weiteren Vereinsheime wie die „Flugklause“ am Fuße der Bergehalde, die „Fischerhütte“ an der alten Grube oder das „Schützenhaus“. Es gibt das DJK-Heim, die Tennisklause des TV Bexbach sowie das Sportheim „Auf der  Heide“. Die „Höcherbergstuben“ mussten leider mit dem Ende der namensgleichen Hallen geschlossen werden und waren lange Domizil des „Felderschen Gesangvereins“ sowie des Knappenvereins. Pächter: Schneider H+G., Schulz Stefan und Fam. Schneider.
 
Die Vereinshäuser wurden gerne von der Bevölkerung aufgesucht, nicht immer zur Freude alteingesessener Wirtsleute, die  hier eine günstigere Konkurrenz witterten. Im Umfeld des Koreakrieges anfang der 50er Jahre entstand etwas außerhalb von Bexbach ein bekanntes Ausflugslokal mit dem bezeichnenden Namen „Korea“. Gelegen an der ehemals preußisch-bayerischen Grenze (der Grenzverlauf ging mitten durch die Gaststube) wurde es von Emil+Mechthild Riefer(„Mecht’che“) geführt, später von deren Tochter Friedchen und ihrem Mann Vinzenz Ecker.
 
Rückblick und Ausschau
Gastronomische Betriebe haben es seit Jahren schwer und auch die in den vereinseigenen Hütten suchen händeringend Betreiber. Der Wohlstand der Nachkriegsjahre und des Aufschwungs liegen hinter uns. Vereine – einst das Aushängeschild deutscher Kultur – lösen sich mangels Interesse auf. Erwähnenswert deshalb, weil in der Vergangenheit fast jeder Verein „sein“ eigenes Vereinslokal aufsuchte (Hasenzuchtverein, Billardfreunde, Kirchenchor, Felder’scher MGV, Verein der Gemütlichkeit, Knappenverein,  KG „Die Blätsch“, Schachclub, Heimatverein und viele andere).
 
Sonntags füllten sich nach den Gottesdiensten die Gaststätten. Man trank sein(e) Bierchen oder Wein bzw. Weinschorle. Ein gut gezapftes Bier musste einen „Feldwebel“ vorweisen (Schaumkrone),  Mosel- und Pfalzwein wurde in verschiedenfarbigen Römergläsern serviert. War der gerippte Fuß grün, kam Pfälzer Wein hinein, war er gelb, wurde Rheinwein eingeschenkt. Obligatorisch zum Bier war oft „e Korzer“, also ein Schnaps (Korn oder gebrannter Obst). Die auf der Theke aufgestellt Brezelstange wurde ruckzuck leer, weil die Salzlaugenbrezeln hierzulande schon immer gerne gegessen wurden.  Zur Winterszeit hatten die Wirte eigens die sog. „Bierwärmer“ in petto, sie kamen – mit heißem Wasser gefüllt – ins kalte Bier.  In den 60er Jahren  bekamen die Kinder Sinalco oder Fanta, Cola war für die Jüngeren „out“.  Noch bis vor einigen Jahren gab es an Samstagen oft „Fleeschkiechelcher“ und  Sonntags frische „Hackschnittcher“ mit Zwiebeln und Maggi nach Belieben. Hygienevorschriften sorgten für den Untergang dieser Tradition. Nach Fastnacht, Kirmes oder Neujahr kamen die beliebten „Gequellte und Heringe“ auf den Tisch. In den klassischen Restaurants stand die gut bürgerliche Küche auf dem Speiseplan: Schweine- oder Rinderbraten, Schnitzel in allen Variationen, Hausmannskost (=Schlachtplatten, Leberknödel u.a.) Wer kennt heute noch „Restaurationsbrote“, den “Strammen Max“,  „Russische Eier“ oder die in Salzwasser eingelegten Soleier?  Beliebt waren auch Schinkenbrote: Roh, gekocht oder gemischt sowie Käsebrote, garniert mit Gurken und  gekochtem Ei oder ein klassischer Schwartenmagenweck. Damals gehörten diese Angebote zum Standard. An der Kerb wiederum gab es Spieß- und Schweinerollbraten, an Sylvester Rippchen mit Kraut sowie Weiß- oder Knoblauchwürste. Überhaupt waren die Wirtschaften neben dem Kerweplatz wichtige Orte. Hier wurde nämlich vom „Kerwepfarrer“ an der Außenfassade eine Leiter angestellt und die „Kerweredd“ gehalten. Der Kerwestrauß, eine mit bunten Bändern versehene  Birke oder Fichte, wurde dabei in den Halter gesteckt und später im Lokal versteigert.  In allen Sälen des Ortes war Kerwetanz angesagt; die Polizeistunde  meistens aus diesem Anlass aufgehoben. Bei den gut besuchten Schlachtfesten im Herbst und Winter freute man sich vor allem auf  das in Majoranbrühe frisch abgekochte Wellfleisch. Nach der Devise: „Die Saalänner wisse halt, was guud iss! Derrehrschd werd emmool guud gess, geschaffd hamma schnell!“
 
In den Gaststätten wurde Skat, Schafkopf und 17null4 gespielt, manchmal recht laut auf den Tisch geklopft. Aber das Wichtigste: Man diskutierte, disputierte, „schwätzde eehnfach noor dommm“, oder unterhielt sich über die Neuigkeiten aus Dorf und Politik. „Wäähschde schunn  ‘s  Neischde? Hassches aah geheehrt?  Vezeehl ma emmool, wasses Neies gebbd? Dass doo glaabsche selwer nedd…Wer issen die Daah geschdorb unn heiraade gang?“ Passende Antworten gab es dann meist an Theke oder Stammtisch, wobei sich der Wahrheitsgehalt  nicht immer rekonstruieren ließ, schon gar nicht zu vorgerückter Stunde. Da wurde gerne der/die ein oder andere „dorch die Hechel gezooh“, d.h. man lästerte über Nichtanwesende, war der Betreffende da, wurde „gepischbert“. In den  Vorkriegsjahren und zeitweise noch später soll sogar im Gasthaus Politik gemacht worden sein: am Prominenten-Stammtisch saßen mehr oder minder einträchtig der „Borjemääschder“ (=Bürgermeister), der „Parre“ (=Pfarrer), der „Schuulmääschder“ (=Schullehrer) gefolgt von alteingesessenen Geschäftsleuten und besprachen alles, was die Gemeinde anging.  Sie galten als die Honoratioren des Dorfes.
 
Leider gehören die Zeiten, in denen die den Wirtschaften angeschlossenen größeren oder kleineren Säle für Theateraufführungen oder Tanzveranstaltungen benutzt wurden, der Vergangenheit an. Es waren begehrte Räumlichkeiten für Hochzeiten, Kommunionen, Konfirmationen, Kappensitzungen und (Nasen-)Bälle, die Kerb wurde darin ein- und ausgetanzt, das „Leichtimbs“ (Trauermahl) eingenommen, Gedenkveranstaltungen und Musikdarbietungen, Weihnachtsfeiern usw.
 
Die Gründe des seit Jahrzehnten festzustellenden Niedergangs unserer typisch deutschen „Kneipenkultur“ sind vielfältig. Mittlerweile kann jeder überall sein Bier in allen Variationen kaufen und zu Hause „günstiger“ trinken. Wenn erst einmal der Rückzug ins Private erfolgt ist und der Fernseher läuft, hat „man keine Lust“ mehr, ins Gasthaus zu gehen sondern bleibt daheim. Überhaupt ist klassische „Geselligkeit, gediegene Unterhaltung, Austausch von Neuigkeiten oder einfach nur ein lapidares Gespräch“ in den Gaststätten kaum mehr in Mode. Man bleibt lieber unter sich, kapselt sich ab oder feiert im kleinen Kreis sonstwo. Darüber hinaus ist die Fluktuation der BetreiberInnen in manchen Lokalen oftmals so  hoch, wie das Interesse seitens der Kundschaft niedrig. Die Corona-Pandemie trug ebenfalls zum Untergang vieler gastronomischer Betriebe bei. Nach einer Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes standen im Saarland rund 70 % der Lokale und Restaurants vor dem Aus.
Eine Änderung der Situation ist nicht zu erwarten. Man muss die Dinge nehmen, wie sie sind und froh sein, wenn überhaupt noch Gaststätten, Lokale oder Cafés in einer Kommune betrieben werden.  Und vor allen Dingen: man sollte sie ab und an besuchen, gemütlich plaudern und dazu einen oder auch mehre trinken. Alles in Maaßen natürlich - Wohl bekomm‘s!

Wohl bekomms! Text und Fotos: H.J. Britz

Schenk, Silvia
27. Jun 2022