Display Image

Eine der schönsten Städte Europas

Lissabon punktet mit altem Glanz und neuer Eleganz

„Das Wunder, wenn man es erlebt, ist nie vollkommen. Erst die Erinnerung macht es dazu.“ 

So philosophiert Erich Maria Remarque (1898-1970) in seinem Roman „Die Nacht von Lissabon“ (1962, verfilmt 1970/71), in dem er ein bedrückendes deutsches Emigrantenschicksal während des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkriegs in Frankreich, Spanien und Portugal schildert. Mit viel Feingefühl für die Thematik Identitätskrise, Heimatverlust und Exil schreibt er: „Die schönste Stadt ist die, in der man glücklich ist.“ Der portugiesische Lyriker António Nobre (1867-1900) formuliere das viel direkter: „Wer Lissabon nicht sah, hat noch nichts Schönes gesehen.“ („Quem não viu Lisboa, não viu coisa boa.“)
Mit dem Slogan „Lisbon is my happy place“ preisen die Portugiesen heutzutage die Schönheit der am Tejo gelegenen westlichsten Hauptstadt Europas, die wie Rom und Konstantinopel auf sieben Hügeln erbaut worden sei (was so pauschal gar nicht stimmt). Dabei verklären sie die Verbindung Stadt und Fluss in Manier der griechisch-römischen Antike als Liebespaar: die Schöne, angelehnt an ihren schmachtend dahinfließenden Lover, den Tejo. Die Hauptstadt auf dem vielhügeligen Gelände an der Atlantikküste entwickelt sich immer mehr zu einer Lieblingsstadt des modernen Tourismus. Sie gilt als eine der faszinierendsten Metropolen unseres Kontinents und kann auf eine lange Geschichte mit glorreicher Seefahrer-Vergangenheit zurückblicken, die sich in historischen Gebäuden, Klöstern, Kirchen, Museen, Denkmälern und wunderschönen Wandfliesen (Azulejos) widerspiegelt. Das „Museu Nacional do Azulejo“ gibt einen Überblick über die Entwicklung der Kachelkunst, die mit dekorativen Keramikfliesen aus fünf Jahrhunderten demonstriert wird. Der „Torre de Belém“ und das Kloster „Mosteiro dos Jerónimos“ im Stadtteil Belém sind die beiden wichtigsten noch erhaltenen Bauwerke des glanzvollen 16. Jahrhunderts. In der Klosterkirche befinden sich unter anderem die Grabstätten des Seefahrers Vasco da Gama und des portugiesischen Nationaldichters Luís de Camões. Eines der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt ist der Torre de Belém, einst Festung mit Gefängnis, Waffenlager und Leuchtturm. Von hier aus wurden ausfahrende Schiffe verabschiedet und ankommende begrüßt.
Lissabon ist aber auch eine moderne, sonnenverwöhnte Stadt mit ausgedehnten Flanier- und Einkaufsmeilen, schattigen Plätzen und Parkanlagen, reichhaltigem Kulturprogramm, wohltuender Gastfreundschaft, abwechslungsreichem Nachtleben und charmanter Atmosphäre. Die familiäre Art des Zusammenlebens und alte Bräuche, v.a. aus der Handwerker-, Bauern- und Seefahrertradition, versucht man noch zu pflegen. Hier kann man durch historische Viertel spazieren, quirlige Flohmärkte besuchen, eine Bootsfahrt auf dem Tejo unternehmen, die Ersparnisse in den edlen Einkaufszentren und Restaurants ausgeben und die Nächte in einem der vielen reizvollen Lokale bei Fado-Musik genießen und durchtanzen. Fado (von lateinisch fatum, d.h. Schicksal) ist ein typisch portugiesischer Musik- und Vortragsstil, ein Teil der portugiesischen Volksseele. Die Texte handeln von unglücklicher Liebe, Armut und sozialen Missständen, Vergänglichkeit und Scheitern, Weltschmerz und Sehnsucht nach besseren Zeiten. Portugal ist nach der glanzvollen Epoche des Seefahrer-Weltreiches völlig verarmt und wurde zum Auswandererland. Als Seefahrernation waren die Portugiesen ohnehin eng mit dem Meer verbunden. Abschied nehmen, Heim- und Fernweh – diese Grunderfahrungen waren ihnen ebenso vertraut wie die einstige Pracht und verlorene Größe. Daraus entstand eine Seelenstimmung, die sie „saudale“ nennen: Wehmut, Melancholie und Sehnsucht. Das alles strahlt die Fado-Musik aus. Sie enthält unter anderem arabische Elemente, Tonhöhensprünge und Mollmelodien. Angeblich haben portugiesische Troubadoure im Mittelalter die schwermütigen Liebeslieder der Mauren adaptiert. Möglicherweise hat der Fado aber auch afrikanische Wurzeln aus der Zeit des Sklavenhandels Richtung Brasilien (wo man übrigens heute noch Portugiesisch spricht). Lange Zeit war er berüchtigt als Musik der Seeleute in den Hafenspelunken, von zwielichtigen Stadtstreichern, Zuhältern, Freudenmädchen und unglücklich Verliebten. Erst im 19. Jahrhundert wurde er gesellschaftsfähig, vor allem durch den Zuspruch adliger Müßiggänger, die sich in den „casas de fado“ amüsierten. Großartige Fado-Sänger(innen), „fadista“ genannt, machten im 20. Jahrhundert diesen Musikstil weltweit bekannt. Das „Museu do Fado“ in Lissabons ältestem Stadtteil Alfama widmet sich dem musikalischen Erbe Portugals und veranstaltet in seinem Auditorium musikalische Auftritte von renommierten Künstler(inne)n.
Eine ebenfalls melancholische Grundstimmung vermittelt der Bestseller-Roman „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier (Pseudonym des Berliner Professors Peter Bieri) aus dem Jahr 2004. Er erzählt von einem Schweizer Altphilologen, der eine schicksalhafte Begegnung mit einer jungen Portugiesin hat und sich Hals über Kopf eine Zugfahrkarte nach Lissabon kauft, um den Spuren eines geheimnisvollen Autors zu folgen. Dadurch verändert sich sein eigenes Leben gravierend. Der gleichnamige Film hatte bei der Berlinale 2013 Weltpremiere.
Durch die Gassen Lissabons weht stets eine frische Atlantikbrise und seine Hügel garantieren fantastische Aussichtspunkte. Von der weitläufigen Festungsanlage „Castelo de São Jorge“ aus kann man einen Panoramablick über die Altstadt mit ihren pastellfarbenen Häusern, die Tejomündung und die Hängebrücke „Ponte 25 de Abril“ genießen. In der Festung hoch über Alfama, die von den Mauren erbaut worden war, residierten nach deren Vertreibung die portugiesischen Könige.
Besonders attraktiv ist eine Fahrt mit den zahlreichen Straßenbahnen, die den Flair von vergangenen Epochen und ein mitreißendes Lebensgefühl ausstrahlen. Die Straßenbahnen haben in Lissabon eine lange Tradition. Bereits 1870 nahm im Rahmen der Industrialisierung eine Dampfstraßenbahn, 1873 die zweigleisige Pferdebahn „O Americano“ ihren Betrieb auf. 1901 fuhr die erste elektrische Straßenbahn („Eléctrico“). Mit ihr kann man sich heute noch durch die schmalen Altstadtgassen der Tejostadt schaukeln lassen, auf engen, hügeligen Strecken, die von modernen Wagen nicht gut befahren werden können. Eine Fahrt mit der historischen Linie 28, die Lissabon von Ost nach West durchquert, vorbei an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten, ist besonders empfehlenswert, obwohl diese legendäre, museumsreife „Sightseeing-Tram“ fast immer überfüllt ist und von Fahrgästen zuweilen „Strapazenbahn“ genannt wird. Hans Magnus Enzensberger widmete ihr 1987 in seinen „Portugiesischen Grübeleien“ eine ehrfürchtige Passage. Durch die Bezirke Baixa und Alfama fährt die klassisch-gelbe Straßenbahn der Linie 12, die ebenfalls sehr beliebt ist, weil sie mühelos steile Anstiege und scharfe Kurven bewältigen kann.
Lissabon ist eine Stadt zum Verlieben: mit einer angenehmen Mischung aus Tradition und Moderne – lebensfroh, kreativ, ungezwungen und elegant, mit vielen Attraktionen. Sein Ozeanarium enthält das größte Indoor-Aquarium Europas. Eine Fahrt mit der Seilbahn „Teleférico do Parque das Nações“ über das Gelände der Expo 98 bietet einen atemberaubenden Blick über die Stadt. Auch in der näheren Umgebung von Lissabon gibt es einiges zu entdecken. Sintra mit seinen zahlreichen Schlössern und Palästen eignet sich für einen Tagesausflug. Außerhalb der Großstadt lockt die Sommerfrische an den Atlantikstränden, etwa bei Cascais und Estoril, die mit dem Zug nostalgisch zu erreichen sind. Im mondänen Seebad Estoril machen bevorzugt Reiche, Prominente und Golfer Urlaub. Früher trafen sich dort auch internationale Spione im Casino und in den Hotelbars. 1953 veröffentlichte der britische Schriftsteller und ehemalige Geheimdienst-Mitarbeiter Ian Fleming seinen ersten James-Bond-Roman: „Casino Royale“, inspiriert durch seine Erlebnisse im Casino Estoril. In dem damals größten europäischen Casino hatte er sich während des Zweiten Weltkriegs als Verbindungsoffizier zum US-Marinegeheimdienst oft aufgehalten. Portugal war in dieser Zeit – wie Casablanca – ein beliebter Umschlagplatz für Flüchtlinge, Agenten, Spitzel und Informanten und bot gute Möglichkeiten, in die USA auszureisen. Treffpunkt dieser oft zwielichtigen Gestalten war die „Bar Famous“ im Hotel „Palacio Estoril“ neben dem berühmt-berüchtigten Casino. Sie taucht auch in Flemings Bond-Roman „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ sowie im gleichnamigen Film auf.
Mit seinen rund 546.000 Einwohnern ist Lissabon die mit Abstand größte portugiesische Stadt, aber im Vergleich zu anderen europäischen Hauptstädten eher klein. Im 15. Jahrhundert, dem Zeitalter der Renaissance, begann Portugals Goldenes Zeitalter, entfesselt durch Wissenschaftler, Seefahrer und Entdecker. 1434 umsegelte Gil Eanes das Kap Bojador an der Nordwestküste Afrikas, 1488 umschiffte Bartolomeu Dias als erster Europäer das Kap der Guten Hoffnung, 1498 fand Vasco da Gama den Seeweg nach Indien, 1500 landete Pedro Alvares Cabral an der brasilianischen Küste. Durch die Seefahrer und Wissenschaftler wurden das Menschen- und Weltbild, die Nautik, Astronomie, Astrologie, Geographie, Mathematik und Botanik revolutioniert. Die von Entdeckerdrang, Abenteuerlust, Sendungsbewusstsein und Beutegier getriebenen Seefahrer und Eroberer (Konquistadoren) kehrten mit überwältigenden Eindrücken aus fremden Weltregionen in die Heimat zurück, aber mit ihren Gräueltaten und gestohlenem Beutegut versündigten sie sich nachhaltig. Der Niedergang des portugiesischen Weltreichs verlief fast so schnell wie sein Aufstieg. Das Imperium zehrte das kleine Mutterland völlig aus. Die verlockende Aussicht auf schnellen Reichtum förderte Intrigen, Misswirtschaft und Korruption. Verlustreiche Kämpfe und Kriege mit Rivalen um die Weltherrschaft schwächten die Seefahrernation ebenso wie eine nahezu magnetische Landflucht (in die Kolonien), die der Landwirtschaft großen Schaden zufügte. Auch heute noch hat Portugal viele Auswanderer zu beklagen. Im Laufe der Zeit gingen nahezu alle Kolonien verloren und schwächten Portugals Wirtschaftskraft. Zum Staatsgebiet gehören neben dem Festland auf der Iberischen Halbinsel heute nur noch die Inselgruppen der Azoren und Madeira im Atlantischen Ozean. Aus Angola und Mosambik verabschiedete sich die einst so stolze Nation nach blutigen Kolonialkriegen erst 1975 – auf unrühmliche Weise. Das Veteranenmuseum in Belém erinnert an die gefallenen portugiesischen Soldaten während der Kolonialkriege von 1961 bis 1974. Nach 1975 suchten hunderttausende Bewohner(innen) der ehemaligen Kolonien im europäischen „Mutterland“ Zuflucht. Sie flüchteten vor Hunger, Armut, Krieg und Hoffnungslosigkeit aus ihrer angestammten Heimat. Deshalb stellt Hans Magnus Enzensberger in seinen „Portugiesischen Grübeleien“ fest: „In keiner anderen Stadt Europas sieht man so viele braune, schwarze, gelbe Menschen wie in Lissabon. Nirgends tritt die dritte Welt selbstverständlicher auf.“ Lissabon wurde zu einem kosmopolitischen Treffpunkt der Kulturen. Eine wegweisenden Zäsur war die sogenannte „Nelkenrevolution“, ein Militärputsch am 25. April 1974 gegen die verhasste Diktatur, die über 40 Jahre angedauert hatte. Sie förderte neue Demokratiebestrebungen in Europa: zuerst in Portugal, danach in Griechenland und Spanien. Ihr Name bezieht sich auf die roten Nelken, die sich aufständische Soldaten in die Gewehrläufe steckten. Zum Glücksfall für Portugal wurde die Integration in die Europäische Gemeinschaft, die viele Fördergelder und Investitionen nach Südwesteuropa fließen ließ. Schon unmittelbar nach dem EG-Beitritt 1986 erlebte das arme Land einen Konjunkturaufschwung und wies bald die höchste Wachstumsrate in Europa auf. Der europäische Binnenmarkt bewirkte in Portugal einen tiefgreifenden Strukturwandel.
Was man bei einem Besuch in Lissabon auf keinen Fall versäumen sollte: die leckeren Pastéis de Belém (Blätterteigtörtchen mit Puddingcremefüllung), den berühmten Sauerkirschlikör (Ginjinha) und andere landestypischen Köstlichkeiten probieren, z.B. auch die Nationalgerichte Stockfisch und gegrillte Sardinen. Frische Lebensmittel und Spezialitäten aus ganz Portugal bekommt man in der Markthalle „Mercado da Ribeira“. Beeindruckend ist das traditionsreiche Restaurant „Casa do Alentejo“, das mit seiner prunkvollen Inneneinrichtung an 1001 Nacht erinnert. Die Besichtigung der Stadtviertel Alfama und Belém ist ebenso ein Muss wie ein Spaziergang zum historischen Aufzug „Elevador de Santa Justa“. Er wurde von Raoul Mesnier du Ponsard, einem portugiesischen Ingenieur französischer Abstammung und Schüler von Gustave Eiffel, entworfen. Die Plattform auf dem über hundert Jahre alten Aufzug bietet einen weitreichenden Blick auf die Stadt. Zu Ehren seiner vielgerühmten Entdecker wurde 1960 anlässlich des 500. Todestages von Heinrich dem Seefahrer das 56 Meter hohe Denkmal „Padrão dos Descobrimentos“ am Tejo-Ufer von Belém errichtet, das zahlreiche Persönlichkeiten ehrt, die zu Portugals Aufstieg als Seefahrernation beitrugen. Der größte Platz Lissabons heißt „Terreiro do Paço“, Palastplatz, benannt nach dem Königspalast, der hier bis zum Erdbeben 1755 stand. Er ist ein beeindruckendes Symbol des Wiederaufbaus nach der verheerenden Naturkatastrophe. Auf vielen Plätzen und Flaniermeilen findet man Zeugnisse der Pflastersteinkunst „Calçada Portuguesa“, der Wegpflasterung aus Kalkstein und schwarzem Basalt. Hoch über Lissabon, in der etwas außerhalb gelegenen Gemeinde Almada, thront die imposante Christus-Statue „Cristo Rei“ als unübersehbares Friedenssymbol nach dem brasilianischen Vorbild in Rio de Janeiro. In ihre Nähe führt auch die gigantische Hängebrücke „Ponte 25 de Abril“ (eine Hommage an die Nelkenrevolution), die nach dem Vorbild der Golden Gate Bridge in San Francisco errichtet wurde. Sie und die „Ponte Vasco da Gama“, die längste Brücke Europas, ermöglichen eine Überfahrt über den Tejo. Ein Aufenthalt in Lissabon ermöglicht unvergessliche Erlebnisse. Man kann dort „wieder munter werden wie eine Eidechse“ (Charles Baudelaire).
Eberhard Jung

Schenk, Silvia
27. Jun 2022