Wo die Seele schreiben lernt
Ein Nachmittag auf Gut Königsbruch
Manchmal stolpert man im Alltag über Orte, die sich anfühlen wie eine herzliche Umarmung für die Seele.
Ein solcher Ort liegt versteckt, nur einen kurzen Sprung von Homburg entfernt, eingebettet in sanftes Grün und atemberaubende Geschichte: das Gut Königsbruch. Wer hierher kommt, lässt die Hektik der Welt augenblicklich hinter sich. 1766 von Christian IV. von Dänemark und Norwegen gegründet und eng mit der Historie unserer Region verwoben, drohte das geschichtsträchtige Anwesen einst zu verfallen. Doch dank einer liebevollen Sanierung strahlt es seit einigen Jahren erneut in altem Glanz.
Heute teilt sich die Idylle ein ganz besonderes Ensemble: Während draußen auf den saftigen Wiesen verunfallte Wildschweine oder gerettete Schafe ein friedliches Leben auf dem dortigen Gnadenhof genießen, zieht drinnen in den ehemaligen Scheunenräumen eine ganz leise, aber kraftvolle Kunst ihre Kreise. Hier hat die Diplom-Designerin und Schriftkünstlerin Katharina Pieper mit ihrer "Stiftung Schriftkultur" eine Oase der Ruhe und Kreativität geschaffen. Wer die rund 70 Quadratmeter große Galerie betritt, blickt in lichte, hohe Räume, die trotz des alten Gemäuers eine wunderbare Wärme ausstrahlen. Katharina Pieper widmet sich seit über 40 Jahren der Kalligrafie und versteht sich selbst als Schneiderin für das geschriebene Wort, denn sie gibt Texten ein passendes Kleid. In ihrer aktuellen Gemeinschaftsausstellung, die sie zusammen mit ihrer Freundin, der Homburger Ärztin und Achtsamkeitsexpertin Dr. Irene Özbek, ins Leben gerufen hat, dreht sich alles um das wohl wichtigste Thema unserer Zeit: den Frieden. Es ist eine Einladung zum Innehalten, tief Durchatmen und Nachdenken. Die ausgestellten Werke – feine Leinwanddrucke, die ausdrucksstarke Pinselstriche mit asiatisch anmutenden Naturfotografien verbinden – atmen den Geist des Zen-Buddhismus und des Taoismus. Der zentrale buddhistische Leitgedanke "Leere ist Form und Form ist Leere" zieht sich wie ein roter Faden durch die Räume. Das Faszinierende an Frau Piepers Arbeiten ist ihre trügerische Mühelosigkeit. Was auf den Betrachter wirkt wie ein flüchtiger, eleganter Moment, ist das Ergebnis jahrzehntelanger Disziplin. Sie selbst vergleicht es gern mit dem Eiskunstlauf: Die Tänzer gleiten scheinbar schwerelos über das Eis, drehen sich voller Selbstverständlichkeit – und doch steckt dahinter harte, jahrelange Übung – eine Kunst der scheinbaren Leichtigkeit. Genauso verhält es sich bei der freien Kalligrafie mit dem Pinsel. "Das, was am leichtesten und wie dahingeworfen aussieht, ist in Wahrheit am allerschwersten zu meistern", sagte Frau Pieper im Interview. Sie "kopiert" keine alten Schriften aus dem Mittelalter, sondern trägt die jahrtausendealte Tradition der bewussten Gestaltung im besten Sinne ins 21. Jahrhundert. Wie tief der Ort "Gut Königsbruch" vom friedlichen Austausch der Kulturen geprägt ist, zeigte sich bei der feierlichen Eröffnung der aktuellen Ausstellung. Fünf buddhistische Mönche, angeführt von einem Lama aus Ladakh, waren zu Gast. Mit ihren tiefen, exotischen Obertongesängen und dem rituellen Streuen eines Sandmandalas hinterließen sie einen bleibenden Eindruck. Katharina Pieper möchte mit ihrer Kunst die Welt ein kleines bisschen besser machen, positive Impulse setzen und Menschen ins Gespräch bringen. Dies gelingt ihr auf Gut Königsbruch auf ganz wundervolle, unaufgeregte Weise. Wer diese besondere Atmosphäre selbst erleben, durch das kleine integrierte Museum für Kalligrafie stöbern oder an einem der Workshops teilnehmen möchte, sollte unbedingt einen Blick auf das Programm werfen, denn es ist ein Ausflug, der sich lohnt – für den Kopf, fürs Auge und vor allem fürs Herz.
Kommende Termine sind zum Beispiel Führungen am 7. Juni und 12. Juli, jeweils um 15:00 Uhr für 10 Euro Eintritt, wobei die Hälfte der Einnahmen an ein Waisenhaus nach Ladakh geht. Weitere Anfragen/Informationen via Telefon: 06841-9889091, Email: stiftung@schriftkultur.eu und Internet: www.schriftkultur.eu Text: Chris Ehrlich

.webp)





