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Die beiden Neunkircher Schlösser Teil 3

Ihre Umgebung und die Bewohner Ein Bericht von Armin Schlicker und Horst Schwenk

Auf den aufgeführten Plänen und Schilderungen aufbauend stellte Prof. Heinz 1952 weitere Nachforschungen und Messungen an, ebenso zuletzt auch Horst Schwenk. 

Danach lag das halbmondförmige Schloss auf einer Terrasse in Höhe der heutigen Schloßstraße und öffnete sich zum Park in Richtung auf die Hüttenanlage im Tal. Vom Schloss habe man über den abfallenden Park einen ungewöhnlichen Blick in die lodernden Flammen und das Funkensprühen der Eisenhütte gehabt.
Das Schloss hatte auf der Terrassenseite eine am gesamten Gebäude entlang laufende mehrstufige Treppe. Auf diesen Stufen, „die um die ganze Terrasse hergehn“, hatte Goethe 1770 „vor den großen Glastüren“ des Gebäudes gesessen, das er ausdrücklich als „wohlerhalten“ bezeichnete.
Man betrat von der heutigen Schloßstraße her im Mittelrisalit eine Vorhalle, in deren Mitte die prächtige, wohl von kostbarem Schmiedeeisen eingefasste Haupttreppe sich erhob. Auf beiden Seiten befanden sich Durchgänge zum Gartensaal, dessen große Glastüren auf die breite dem großen Parkteil zugewandte Terrasse führten. Im Obergeschoss mündete die Haupttreppe wiederum in einen Vorsaal, von dem man in den großen Festsaal gelangte, dessen große Balkontüren den herrlichen Blick über die Terrasse und den Schlosspark ins Tal bis zur Eisenhütte gewährten. Zu beiden Seiten des Mittelrisalits im Mittelbau befanden sich wohl lange Korridore an Zimmerfluchten entlang. Die Zahl der Fensterachse lässt sich nach den Bogenstellungen der Kellergewölbe mit Sicherheit auf fünf für den Mittelrisalit und je sechs für die Seitenteile des Mittelbaues ansetzen, so dass der Mittelbau alleine schon 17 Fensterachsen hatte. Daran schlossen sich links und rechts im Viertelkreis gebogene Flügel am Ende mit je einem Pavillon an.
Prof. Heinz konnte im Frühjahr 1952 die maßstäblich beachtliche Größe des Schlosses  feststellen. Der Mittelrisalit besaß danach eine Breite von 15,67 m, während der gesamte Mittelbau genau das Dreifache, also 47,00 m maß. Daran schlossen sich links und rechts die beiden Flügel an, so dass das Schloss eine beachtliche Spannweite von 94,00 m hatte. Prof. Heinz wies darauf hin, wie bedeutend diese Ausdehnung des Neunkircher Barockschlosses im Vergleich zu anderen Bauten des nassau-saarbrücker Landes war, wenn man bedenkt, dass die große Hauptkirche des Landes, die evangelische Ludwigskirche in Saarbrücken in ihrer größten Achse nur rund 44,00 m hat.
Die Übertragung des Schlossgrundrisses in den Stadtplan ergab, dass drei Haupt-umfassungsmauern des Schlossmittelrisalits genau mit den Mauern des heutigen Hauses Schlossstraße 22 zusammenfallen. Der Keller dieses Gebäudes konnte mit großer Sicherheit als aus der Stengelzeit stammend bestimmt werden und auch aufsteigendes Mauerwerk des Gebäudes stammt zweifelsfrei aus dieser Zeit. Es kann also festgestellt werden, dass das Haus Schlossstraße 22 auf dem Kellergewölbe des Schlossmittelrisalits steht und auch die darüber noch erhalten gewesenen Mauerreste des Schlosses in den Bau des Hauses integriert wurden.
Auch der Keller des Anwesens Schlossstraße 20 ist Teil des alten Schlosskellers.
Das Haus Schlossstraße 22 liegt beinahe genau in der Mitte zwischen Seilergase und Kochgasse, während diese beiden Gassen nahezu rechtwinklig zur Schlossstraße verlaufen. Diese beiden Gassen liegen etwa im Bereich der beiden Seitenflügel des Schlosses, sodass in der weit gespannten U-Form der beiden Gassen und der zwischen ihnen liegenden Häuserzeilen der Schlossstraße (Nr. 18 – 24) der Grundriss des Barockschlosses noch leicht nachempfunden werden kann. Die Grundstücksgrenzen nach hinten bezeichnen noch heute deutlich den Abschluss der oberen Schlossterasse.
Nach Horst Schwenk hat das verschwundene Barockschloss noch heute eine auffällige Nachwirkung auf das Stadtbild. Er verweist dabei auf das weithin sichtbare Gebäude in der Schloßstraße, das sich wie ein behäbiger Klotz über die Häuserreihe erhebt.
Zum Gesamtensemble des Barockschlosses gehörte noch das Jägermeisterhaus. Etwa 1746 oder 1747, als die Pläne für das neue Schloss schon weit fortgeschritten waren, entstand auch der Plan, für den Jägermeister in der Nähe des Schlosses ein Haus zu bauen. Der Plan für das Haus stammt wie der Schlossplan von Friedrich Joachim Stengel. Das zweigeschossige Gebäude entstand ca. 200 m östlich des Schlosses auf der gegenüberliegenden Straßenseite in Höhe des heutigen Rathauses. Es hatte einen quadratischen Grundriss, war fünfachsig und hatte ein Walmdach. Die Eingangstür in der Mittelachse war reich verziert und repräsentativ.
Es diente nach seiner Fertigstellung zu Jagdzeiten dem fürstlichen Oberforstmeister Georg Wilhelm von Maldiß (1705 – 1760)  und seinen Nachfolgern als Dienstsitz und Wohnung. Wer die Eigentümer in der nachnapoleonischen Zeit waren ist nicht bekannt. 1899 war es im Eigentum der kgl. preußischen Bergbehörde, die es bis 1921 an die evang. Kirchengemeinde als Pfarrerwohnung vermietete. Danach war es in der Völkerbundeszeit bis 1935 im Besitz der französischen Grubenverwaltung. Im Anschluss war  es städtisches Eigentum und wurde Sitz der Kreisleitung der NSDAP. 1945 wurde es durch alliierte Bomben stark beschädigt, die Ruine später leider abgerissen. Es war das einzige repräsentative Gebäude der Stadt, das aus der Fürstenzeit bis kurz vor Kriegsende unverändert erhalten geblieben war. 1955 wurde an dieser Stelle die neue Pauluskirche erbaut.
Nach allen noch vorhandenen Unterlagen, den angestellten Nachforschungen und Vermessungen und unter Verwendung von Motiven, die an der Ruine des im 2. Weltkrieg zerstörten Stengelbaus des Jägermeisterhauses in der Nähe des Schlosses vorhanden waren, konnte Prof. Heinz an eine zeichnerische Rekonstruktion des Barockschlosses herangehen.
Er war sich bei seinen Arbeiten 1952 sicher, dass sich durch einige kleinere Grabungen der einstige Verlauf von Grundmauern leicht hätte feststellen lassen. Aus diesem Grunde hat er das Ergebnis seiner damaligen Arbeiten unmittelbar dem Landeskonservator zur Kenntnisnahme zugestellt. Weder auf diesen Hinweis, noch auf spätere Interventionen ist jedoch im Sinne von Nachforschungen bzw. von Erhaltung noch vorhandener Relikte etwas geschehen.
Nachdem nun in den letzten Jahren hinter dem Gebäude Schlossstraße 22, also auf dem Areal der vorherigen Schlossterrasse, auch noch der Bau eines mehrgeschossigen Wohnhauses genehmigt wurde, gab Prof. Heinz sein Bemühen auch im Hinblick auf sein Alter entnervt auf. Während seines Vortrages ließ er seine Enttäuschung über das Verhalten des Landeskonservators in der Angelegenheit „Barockschloss Jägersberg in Neunkirchen“ deutlich erkennen.
Obwohl die beiden Schlösser sicher einmal fürstlichen Glanz nach Neunkirchen brachten, ist eine nachhaltige Wirkung auf die Entwicklung der Stadt nicht mehr feststellbar. Schade eigentlich, dass solche repräsentativen Bauten aus dem Stadtbild gänzlich verschwunden sind und auch die wenigen noch erhaltenen Relikte nur durch private Initiativen erhalten (oder auch zerstört) werden.

Quellenverzeichnis:
1) Hessisches Hauptstaatsarchiv 101/Nr. 3011/2715
2) Krajewski Bernhard, Das Renaissance-Schloß am Oberen Markt und seine Darstellungen, in Neunkircher Hefte 3, hrsg. v. Verkehrsverein Neunkirchen-Saar
3) Stadtarchiv Neunkirchen, „Urkundenreproduktion“ Nr. B/157
4) Hoppstädter Kurt: Im Kleinstaat des 18. Jahrhunderts in: Wiebelskirchen – Ein Heimatbuch, Wiebelskirchen 1955, S. 94
5) Landesarchiv Saarbrücken, Bestand NSB Nr. 2776
6) „Geometrischer Grundriß des Tractus I des Neunkircher Bannes von Heinrich Nordheim, Landesarchiv Saarbrücken, Bestand Katasterkarten
7) Landesarchiv Saarbrücken, Bestand NSB Nr. 4350
8) Colonel Thomas Thornton, Eine Jagd- und Schlösser-Reise durch Lothringen, in die Saargegend und die Westpfalz im Jahr 1802, hrsg. v. Historischer Verein Stadt Neunkirchen, Neunkirchen, 2012
9) Adolf Freiherr von Knigge: Briefe auf einer Reise aus Lothringen nach Niedersachsen geschrieben, Hannover 1793
10) Heinz, Dieter: Die Rekonstruktion des Neunkircher Barockschlosses, in: Festschrift für Karl Lohmeyer, Saarbrücken 1954, S. 176 - 186
11) Schneider, Reinhard: Ein saarländisches Sanssouci. Das untergegangene Neue Schloss in Neunkirchen, in: Stadtbuch 2005 (wie Anm. 6) S. 425 – 448
12) Es gibt bis heute im Bereich der ehemaligen nassauischen Oberämter Saarbrücken und Ottweiler zahlreiche Sagen über den „wilden Jäger Maltitz“. 

Ende
Ein Bericht von Armin Schlicker und Horst Schwenk

Schenk, Silvia
20. Mai 2023