Schicksalsjahre einer Bexbacher Glocke (Teil 1)
Stille herrscht um das historische Relikt aus dem Jahr 1921
In Niederbexbach befindet sich ein Kleinod besonderer Art, das neben einem großen ideellen auch einen materiellen Wert besitzt. Es ist nur im wahrsten Sinne des Wortes „still“ um dieses historische Relikt geworden, da sie ihre eigentliche Aufgabe seit 17 Jahren nicht mehr erfüllt.
Es handelt sich um die Benedictusglocke, die seit 1976 im Glockenturm nahe dem Friedhof hängt. Sie hat eine über hundertjährige Geschichte aufzuweisen. Gegossen wurde sie als eine von drei Bronzeglocken im Jahre 1921 von der Glockengießerei Johann Georg Pfeifer in der Pfalz. Auf die Pfeifers kommen von 1886 bis 1938 mehrere tausend Bronzeglocken, die in der heutigen Glockenstraße in Kaiserslautern nach uralter Handwerkstradition entstanden. Die Meister Christian, Adolf und Georg, Söhne des Gründers, waren für den Bexbacher Glockenguss verantwortlich. Trotz der damaligen Hochkonjunktur des Betriebes sind Glocken aus diesem Hause kriegsbedingt selten geworden. Glockensachverständige betiteln daher aktuell den Wert der historisch bedeutsamen Benedictusglocke zwischen 23.000 und 30.000 Euro. Sie wiegt etwa 287,50 Kilogramm und war die kleinste des Geläutes von 1921. Das Wunder ihres Erhalts besteht darin, dass sie – im Gegensatz zu ihren drei „Mitschwestern“ – nicht im Jahre 1942 zu Kriegszwecken abgenommen und eingeschmolzen wurde. Mit viel Glück durften Gemeinden die kleinste ihrer Glocken behalten, die somit den unseligen Krieg überdauerten.
Große Festlichkeit an mehreren Tagen
Die drei neuen Glocken wurden am Sonntag, 12. Juni 1921 feierlich geweiht, denn eine Glockenweihe gehörte zu den höchst seltenen Ereignissen einer Gemeinde. Johannes Bossung, gerade ein Jahr als Pfarrer im Ort, schreibt: „Dem edlen Opfersinn der Katholiken unseres Dorfes sollte dieser Tag als Krone ihres treuen Strebens zur Beschaffung der nicht geringen Kosten der Glocken werden…So sei der Tag gesegnet, der uns die Friedensglocken weiht.“ Die Spenderliste ist lang und umfasst – beginnend mit dem späteren Ehrenbürger Pfarrer Dr. Ludwig Nieder und seiner Schwester Anna – über 100 Namen alteingesessener Familien in und um Bexbach, die als „Glockenpaten“ im Pfarrgedenkbuch festgehalten wurden. Leider ist dieses Buch seit einigen Jahren verschollen. Die eigentlichen Sammlungen innerhalb der Gemeinde hatten bereits Anfang 1920 stattgefunden und der eigens eingerichtete Glockenfond lieferte am Kirchweihfest (3. Sonntag im September) des Jahres 1920 mit über 2.000 Mark einen nicht unerheblichen Grundstock, wozu auch das Kerwegeld vieler Kinder gehörte, für manche also durchaus ein großes finanzielles Opfer darstellte. Ortspfarrer Bossung und Kaplan Roth führten sogar persönlich Haussammlungen in Mittelbexbach, Limbach und Niederbexbach durch. Zwei Tage vor der Glockenweihe hatte sich eine ungeheure Menschenmenge am Bahnhof Bexbach eingefunden, um die Ankunft der drei neuen Glocken zu erwarten. Mit Blumen und Kränzen geschmückt wurden diese von den jungen Fuhrleuten August Betz und Otto Ranker mit einer Kutsche abgeholt und feierlich Richtung Kirche gefahren, wo sie vor dem Chor mit Tannengirlanden aufgehängt wurden. Der Bexbacher Landsmann Dr. Ludwig Nieder beschrieb in seiner Predigt zur Glockenweihe die Bedeutung der bronzenen „Himmelsboten“ in Vergangenheit und Gegenwart. Die eigentliche Weihe erteilte der Erbacher Dekan Schlehburg, assistiert von den Geistlichen der Nachbarschaft. In der Zeitung „Saarpfalz“, in Homburg herausgegeben von Dr. Joachim Bossung, dem Bruder des Ortspfarrers, wird berichtet: „Nach der Weihe traten alle herzu, um den metallenen Neugeweihten die ersten Töne zu entlocken…Jeder, der prüfte, war entzückt von der herrlichen Melodie...und musste sie als ein wohlgelungenes Kunstwerk bewundern und loben.“ Bis heute gehört das Anschlagen der Glocken mit einem Holzhammer zum Segensritus. Abends fand im Saal Bender neben dem Bürgermeisteramt eine weltliche Feier statt, in der wiederum Ludwig Nieder den fast eineinhalbstündigen Festvortrag hielt. Er ging darin auf die gegossenen Inschriften der neuen Glocken ein: „Für Gott: sollen wir leben – Zu Gott: sollen wir gelangen – Mit Gott: sollen wir dereinst vereint sein. Mögen die neuen Glocken…nur zum Guten erklingen für eine friedvollere Zukunft.“ In den nächsten Tagen wurden die drei neuen Glocken von der Firma Pfeifer und dem ortsansässigen Schlossermeister Paul Neurohr im Glockenturm von St. Martin installiert und an die bestehende Turmuhr angeschlossen. Die alte, aus der Kriegszeit gerettete und den Kirchenpatronen Martin und Barbara gewidmete Glocke von 1891 (Ton E) mit 1030 Kilogramm, die 1917 nicht zu Kriegszwecken eingeschmolzen wurde, blieb im Turm hängen und ergänzte das Geläute, welches erstmals vierstimmig Dienstagsabends feierlich durch den Ort und darüber hinaus ertönte. Die Reinheit des Klangs wurde nicht nur von den Glockensachverständigen bestätigt. Die Dorfbewohner waren begeistert und innerlich angerührt.
Die wundersame Errettung der Benedictusglocke
Gerade einmal 2 Jahrzehnte war den Glocken der Bexbacher Martinskirche ihr Läuten vergönnt. Am 8. Juni 1942 wurden die drei größten von den nationalsozialistischen Machthabern beschlagnahmt und über eine Sammelstelle in St. Ingbert zum Einschmelzen nach Hamburg verbracht. Bilddokumente vom Herunternehmen und Abschied der Glocken bezeugen die Traurigkeit und den Ernst der Zeit in den Gesichtern der Menschen. Einzig die Benedictusglocke durfte hängen bleiben und ihren so wichtigen „Gottesdienst“ weiter verrichten. Insgesamt läutete sie Tag für Tag insgesamt 3 Jahrzehnte lang. Als dann 1951 ein neues vierstimmiges Geläute für St. Martin angeschafft wurde, war es für den Kirchenrat und Pfarrer klar, dass diese – wie durch ein kleines Wunder unversehrte – Glocke einer neuen Bestimmung zugeführt werden sollte: Als Betglocke für die Filialgemeinde St. Michael in Niederbexbach.
Ein eisernes Glockengerüst mitten im Dorf
Ein Urteil des königlich-bayerischen Oberlandesgerichts zu Zweibrücken im Jahr 1881 sprach nach jahrelangen Streitigkeiten zwischen den Niederbexbacher Katholiken und Protestanten letzteren das alleinige Nutzungsrecht an der aus dem Mittelalter stammenden Michaelskirche zu. Auch wenn sie seit einer nicht überprüfbaren Aussage des damaligen Pfarrers Oster „Jakobuskirche“ genannt wird, hatte die alte Dorfkirche nachweislich die Patrozinien des Hl. Erzengels Michael sowie nach Metzer Brauch den des Hl. Martin. Demgemäß findet bis heute nach uralter Tradition die Niederbexbacher Kerb (Kirchweihe) am Sonntag vor oder nach Martini statt. Nach Abschaffung des „Simultaneums“, also der gemeinsamen Benutzung der ehemals katholischen und infolge der Reformation protestantisch gewordenen Kirche, bemühten sich die Katholiken des Dorfes um die Errichtung zumindest eines Glockenturms. Mit Erfolg: Ein Ingenieur des Neunkircher Eisenwerkes fertigte den Plan eines Gerüstes und erhielt von der Stummschen Hütte sogar kostenlos das Material. Auf einem quadratisch angelegten Sandsteinfundament mit umlaufenden Eisengittern und einem kleinen Tor wurde im Jahre 1886 der 12 Meter hohe eiserne Glockenträger aus der Werkstatt des Schmiedemeisters Ruffing „Schmiddefranz“ nicht weit entfernt von der Protestantischen Kirche in der Schulstraße errichtet. Franz Ruffing war der UrUrgroßvater des Verfassers dieses Beitrages. Aufgehängt wurde eine 147 Kilo schwere Glocke aus der Werkstatt der Gießer Georg und Friedrich Hamm aus Frankenthal. Der Turm wurde mit einem Dach aus Zinkblech gedeckt und erhielt zur Bekrönung ein geschmiedetes Kreuz. Das Glöckneramt übten geflissentlich Vertreter verschiedener katholischer Familien aus, so Jakob Heidinger und zuletzt bis anfang der Siebzigerjahre Johanna Lapre. Nachdem die Mutterkirche in Bexbach 1951 ihr neues Geläut erhalten hatte, gelangte die Benedictusglocke nach Niederbexbach und darüber liest man im Pfarrgedenkbuch: „Als zuerst die alte Glocke von 380 kg vom Glockenturm heruntergeschafft wurde, kamen manchen Anwesenden Tränen aus den Augen, weil diese Glocke zu all den Kriegszeiten so treu gedient hat. Sie wurde deshalb auch nicht verkauft, wie anfangs vorgesehen, sondern nach Niederbexbach…verbracht, während die dortige Glocke von Hamm an die renommierte Glockengießerei Paccard in Annecy-le-Vieux in Frankreich verkauft wurde.“ Nun läutete seit 1951 die 30 Jahre alte Benedictusglocke, die man in Niederbexbach nur „‘s Gleggelche“ nannte, täglich dreimal: morgens, mittags und abends. Bei den katholischen Gläubigen war dies die so genannte „Betglocke“. In früheren Zeiten bekreuzigte man sich bei ihrem Klang; während der Arbeiten auf dem Feld wurde – besonders beim Mittags- oder beim abendlichen Angelusläuten – inngehalten. Eines der berühmtesten Gemälde der Welt, „Angelus“ (=Engel) von Jean-Francois Millet stellt einen Mann und eine Frau dar, die auf dem Feld über einem Sack Kartoffeln andächtig den Engel des Herrn beten, im Hintergrund ragt der Kirchturm eines französischen Dorfes hervor. Das Bild entstand als Auftragsarbeit im Jahre 1859 und befindet sich heute im Louvre in Paris. Salvatore Dali deutete es sogar in Richtung der Beerdigung eines Kindes um, an dessen Grab die Eltern beten.
Das Ende des eisernen Glockengerüstes
Aus Niederbexbach berichtet Horst Imbsweiler, dessen Grundstück bis heute die Relikte des eisernen Glockengerüstes beherbergt, dass oftmals die großen Buben Punkt 12 Uhr aus der Schule stürmten und sich um das Glockenseil stritten und darum, wer letztendlich das Mittagsläuten betätigte. Mancher Lausert (Lausbube) konnte auch des Nachts nicht wiederstehen und bimmelte, um die Niederbexbacher zu erschrecken. 1975 kam das Ende des 12 Meter hohen Glockengerüstes und das Bischöfliche Bauamt in Speyer ließ ihn demontieren, weil er mittlerweile baufällig geworden war. Eine Weile durfte aus diesem Grund auch nicht mehr geläutet werden. Damals befand sich in Oberbexbach die Bundeswehrkaserne mit dem Fallschirmjägerbataillon und durch entsprechende Vermittlung halfen unter Hauptmann Max Zwickl Soldaten seines Kommandos beim Rückbau des Turmes. Chronist Imbsweiler berichtet weiter, dass man hierbei auf ein Relikt des Zweiten Weltkriegs stieß: Im Frühjahr 1945, als die Amerikaner durch Niederbexbach zurückweichende deutsche Truppen unter Beschuss nahmen, gab es schwere Schäden in der Gemeinde. Der Glockenturm wurde von einem Artilleriegeschoss getroffen, wobei der Granatsplitter das Zinkblechdach durchschlug und in der hölzernen Unterkonstruktion stecken geblieben war. Wie durch ein Wunder blieb die Glocke unbeschädigt. Teil 1, Fortsetzung folgt, Text und Fotos: Hans-Joseph Britz

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