Das Wasser verschwindet, die Sonne geht auf
STEIGER GALLERY eröffnet im ehemaligen Bergwerk Reden
Klang aus versiegten Wasserauslässen, ein gemalter Abgrund und Fotografien industriell gezeichneter Landschaften: Zwölf künstlerische Positionen begleiten den erneuten Wandel eines Bergwerksgeländes. Das Publikum bewertet mit, welche Kunst künftig hinzukommen soll.
Wo früher Wasser floss, strömen jetzt Klänge. Eine schmale Brücke führt über einen scheinbar tiefen Abgrund. Fotografien aus dem Kosovo zeigen Landschaften, deren leuchtende Farben von industriellen Eingriffen zeugen. Mit der STEIGER GALLERY ist im saarländischen Reden im Südwesten Deutschlands ein öffentlich zugänglicher Kunstraum entstanden. Zur Eröffnungsveranstaltung vom 25. bis zum 27. September kamen nach Angaben der Veranstalter rund 8.000 Besucher:innen. Die Pilotausstellung ist bis zum 25. Oktober 2026 bei freiem Eintritt zu erleben.
Der Ort steht vor einem erneuten Wandel: Ein Teil des ehemaligen Bergwerksgeländes wurde bereits zu einem Wassergarten umgestaltet. Seit dem Ende der Grubenwasserhebung, dem Abpumpen von Wasser aus dem ehemaligen Bergwerk, werden Teile der Anlage nicht mehr wie bisher mit Wasser versorgt. Die STEIGER GALLERY eröffnet nun konkrete Möglichkeiten für die weitere Nutzung. Neben den installierten Werken stehen 194 eingereichte Konzepte für mögliche dauerhafte künstlerische Interventionen zur öffentlichen Bewertung.
Martin Henneckes Zwölfkanal-Klanginstallation Flowing macht diesen Übergang unmittelbar erfahrbar. Im sogenannten Mosesgang treten Wasseraufnahmen, bearbeitete Bergwerksgeräusche und Klänge der heutigen Umgebung aus ehemaligen Wasserauslässen. Wer den Gang durchquert, hört Vergangenheit und Gegenwart ineinander übergehen. Hennecke verbindet Komposition, Performance und künstlerische Forschung; für seine interaktive Arbeit The (Un)Answered Question erhielt er 2022 den Preis Innovation der Deutschen Orchester-Stiftung, 2023 folgte eine Nominierung für den Theaterpreis DER FAUST. 2024 war er Finalist des Falling Walls Breakthrough of the Year in der Kategorie Arts & Science.
Der Künstler 1010 verwandelt eine rund 600 Quadratmeter große Bodenfläche in einen gemalten Abgrund. Gestaffelte Farbformen erzeugen die Illusion räumlicher Tiefe; eine reale Brücke führt darüber hinweg. Mit jedem Schritt verändert sich das Verhältnis zwischen festem Untergrund und scheinbarer Öffnung. Mit solchen Eingriffen ist 1010 international präsent: 2015 bemalte er eine 4.500 Quadratmeter große Asphaltfläche am Pariser Périphérique als riesigen farbigen Krater.
Sebastian Bühlers Fotografien erweitern den Blick auf andere Bergbauregionen. Seine in Reden ausgestellten Kosovo-Aufnahmen aus der Werkreihe Toxic Aesthetics ziehen durch Farben, Kontraste und feine Strukturen an. Die Motive zeigen jedoch Spuren von Rohstoffabbau, industriellen Rückständen und Umweltzerstörung. 2024 war Bühler mit Toxic Aesthetics Finalist der Drone Photo Awards in der Kategorie Series.
An diesem Ausstellungsort können die Fotografien eine zusätzliche Bedeutung gewinnen: Während das Publikum einen ehemaligen Bergwerksstandort als Kultur- und Freizeitraum erlebt, blickt es auf Landschaften, in denen die Folgen der Rohstoffgewinnung gegenwärtig bleiben. Daraus können auch soziale Fragen entstehen: Wer profitiert vom Rohstoffabbau, und welche Folgen tragen die Menschen vor Ort? Die Gegenüberstellung eröffnet einen Blick auf die ungleiche industrielle Gegenwart – auf neue Nutzungsmöglichkeiten ebenso wie auf wirtschaftliche Abhängigkeit und Belastungen für Mensch und Umwelt.
Auch Chiara Schwarz verbindet in ihrer vierteiligen Arbeit Böse Wetter I & II und Gute Luft I & II Bergbaugeschichte und Gegenwart. Die Motive erinnern an Kanarienvögel, die Bergleuten unter Tage als Frühwarnsysteme vor giftigen Gasen dienten. Zugleich entlassen die Arbeiten die Vögel in die Freiheit und verweisen auf den heutigen Wassergarten als Lebensraum für Flora und Fauna. So wird der Wandel des Ortes nicht nur als Verlust, sondern auch als Veränderung von Lebensräumen sichtbar.
Zu den weiteren Arbeiten gehört Leander Schönwegers Closet (Kasten IV), eine im Wasser stehende Skulptur zwischen Schrank, Architektur- und Körpermodell. Schönweger nahm 2017 an der von Elmgreen & Dragset kuratierten Istanbul-Biennale teil. Seine Arbeiten Our Family Lost und Kasten III gelangten anschließend in die Sammlung des Wiener mumok.
Ein sichtbares Erkennungszeichen setzt die Installation SUN: In einer großen Stahlstruktur des ehemaligen Bergwerks leuchtet eine nachgebildete Sonne mit zehn Metern Durchmesser. Ihr Farbspiel erinnert an Sonnenaufgang und Sonnenuntergang – und an das Tageslicht, das während der Arbeit unter Tage unerreichbar blieb.
Über die Zukunft des Kunstparcours wird nach der Pilotphase beraten. Alle 192 eingereichten Konzepte werden digital präsentiert. Besucher:innen können sowohl diese Vorschläge als auch die bereits installierten Werke bewerten. Ihr Votum wird bei den Beratungen einer Fachjury Ende Oktober berücksichtigt. Ausgewählte Konzepte sollen anschließend technisch und finanziell ausgearbeitet werden. Eine Realisierung ist damit noch nicht zugesichert.
Für die Verantwortlichen aus Politik, Standortentwicklung und Zivilgesellschaft bietet die Pilotphase eine konkrete Entscheidungsgrundlage: Sie können vor Ort beobachten, wie Menschen die künstlerisch veränderten Räume nutzen, welche Begegnungen entstehen und welche Arbeiten Resonanz finden. Diese Erfahrungen sollen helfen, das Potenzial von Kunst in die langfristige Entwicklung des Wassergartens einzubeziehen.
Die Pilotphase macht mögliche Veränderungen erlebbar, bevor feststeht, was dauerhaft bleibt. Damit stellt sich eine Frage, die weit über Reden hinausweist: Wie viel Vergangenheit braucht die Zukunft? Wie lassen sich ehemalige Industrieanlagen weiterentwickeln, sodass ihre Geschichte erfahrbar bleibt und zugleich Raum für neue Nutzungen entsteht?
STEIGER GALLERY – Kunst im Wassergarten
Laufzeit: 25. September bis 25. Oktober 2026, täglich zugänglich
Ort: Wassergarten Reden, Am Bergwerk Reden 10, 66578 Schiffweiler, Saarland, Deutschland Eintritt: frei
Website: steiger-gallery.de ·Instagram: @steiger.gallery © Zweckverband Erlebnisort Reden






