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fahren. Auch in Deutschland war er viel un- terwegs, im Mai 1871 sogar in Saarbrücken, aber am liebsten war er offenbar in seiner Heimat, der Mark Brandenburg. Im Vorwort seiner „Wanderungen durch die Mark Bran- denburg“ formulierte er sein Reise-Credo: „Wer in der Mark reisen will, der muss zu- nächst Liebe zu Land und Leuten mitbrin- gen, mindestens keine Voreingenommenheit. Er muss den guten Willen haben, das Gute zu finden, anstatt es durch krittliche Verglei- che totzumachen.“
Das Alte Gymnasium im Zentrum Neurup- pins, das Fontane 1832/33 als Schüler besuchte
Wie viele Autoren seiner Zeit erlebte er auch Phasen mit finanziellen Durststrecken, Krisen und Leid (früher Tod von Kindern u.a.). In seinem lyrischen Text „Der echte Dichter“ beschreibt er das ärmliche Dasein eines Schriftstellers mit schmuddeligen und uner- zogenen Kindern, dessen „eigenste Welt (...) der Himmel und – ein Zigeunerzelt“ seien.
Fontane über weitreichende Kenntnisse von Pflanzen und ihrer pharmazeutischen Ver- wendung. Ihre symbolische Bedeutung und die Beschreibung von Naturphänomenen
Eberhard Jung, der Betreuungslehrer der Wortsegler(innen) des Saarpfalz-Gymnasi- ums, im „historischen Klassenzimmer“ der alten Dorfschule von Ribbeck, die 1841 vom damaligen Herrn von Ribbeck gebaut wurde und heute als Museum dient
nutzte er als Mittel zur Charakterisierung. Treue und Untreue verbindet er oft mit Blu- men. Während dem Vergissmeinnicht noch ein gewisser Zweifel anhaftet, assoziieren
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Immortellen (Strohblumen), die auch in ge- trocknetem Zustand lange haltbar sind, Dau- erhaftigkeit oder gar Unsterblichkeit. Mit vie- len Pflanzen führt er uns ins Reich der Bota- nik und Magie: mit Liebstöckel (Aphrodisia- kum), Wacholder (für Desinfektion und Schwangerschaftsabbruch), Allermannshar- nisch („Zaubermittel“ gegen Verwundung und Unfruchtbarkeit), Myrte (symbolisiert Lebenskraft und Jungfräulichkeit), Lorbeer (repräsentiert Ehre und Auszeichnung), Rha- barber (mit Blättern, die noch größer als ein Feigenblatt sind) usw. Weitere typische Be- sonderheiten im Alterswerk des weisen Plau- derers sind die Bescheidenheit, die Freude an den kleinen, schönen und unscheinbaren Dingen des Lebens, seine Besonnenheit, aber auch die Entsagung und Vergänglichkeit („Unwiederbringlich“). Sein Gedicht „Über- lass es der Zeit“ endet mit den Zeilen: „Alles ist wichtig nur auf Stunden, / Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter, / Zeit ist Balsam und Friedensstifter.“ Sein Miniaturgedicht „Zu-
Die evangelische Kirche zu Ribbeck, davor eine Neuanpflan- zung des legendären Birnbaums
In vielen Aphoris- men bekundet er seine Lebensweis- heiten, zum Bei- spiel: „Man muss die Musik des Le- bens hören. Die meisten hören nur die Dissonanzen.“ Allerdings stellte er in seinen bedeu- tenden Romanen selbst viele Disso- nanzen dar: fami- liäre Tragödien, Ehebrüche und
scheiternde Beziehungen, Unglücks- und Mordfälle, Eitelkeiten und Machtgelüste, zweifelhafte Ehrgefühle in Adelskreisen, de- nen er Menschlichkeit, freie, ungebundene Natur und Natürlichkeit konträr gegenüber- stellte. Als ausgebildeter Apotheker verfügte
Birnen von Ribbeck – ein Kultsymbol im Havelland
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