Die Blies, einst unser schwarzes Flüsschen
Teil 7 von Jürgen Cornely
Im Oktober 1919 gab es 380 Erwerbslose in der Gemeinde Neunkirchen, davon waren 350 bei Notstandsarbeiten beschäftigt, davon wiederum 50 bei der Begradigung der Blies.
Ohne Zuschüsse wurde durch 80 Arbeitslose die Süduferstraße kanalisiert. Viele wurden von der Gemeinde mit Arbeiten beschäftigt, „welche weniger nutzbringend sind. Sie muss dies tun, weil sonst die Erwerbslosenunterstützung gezahlt werden muss und die Leute dadurch dem Müßiggange mit all seinen üblen Folgen direkt zugeführt werden.“
An 370 Arbeitstagen wurde Boden ausgehoben und in seitlichen Dämmen bzw. zur Einfüllung des alten Bliesbettes eingebaut, es wurden Böschungen planiert und mit Rasen abgedeckt bzw. angesät und Schlacken angefahren. Die Arbeiten sollten eigentlich bis zum 31.12.1919 fertiggestellt werden. Am 8. Dezember 1919 musste der Bürgermeister Ludwig dem Landrat berichten: „Infolge des seit mehreren Wochen anhaltenden hohen Wasserstandes der Blies … ist es nicht möglich, die Arbeiten zu dem festgesetzten Termin fertig zu stellen. Da wir mit hohem Wasserstand auch noch weiter zu rechnen haben, stellen wir den Antrag, den Fertigstellungstermin auf den 31. März 1920 zu verlängern.“ Landrat Vogeler legte das Schreiben am 11.12.1919 dem Regierungspräsidenten zu Trier „befürwortend vor“. Tatsächlich wurden gut 70 000 Mark an Reichs- und Staatszuschüssen bewilligt. 1923 richtete die Regierungskommission des Saargebietes einen Sachverständigenrat ein, der erstmals ein umfassendes Gutachten erstellte „über die Ursachen der Verunreinigung der Blies unterhalb Neunkirchens, über das Maß der Beteiligung der für die Verunreinigung in Betracht kommenden Werke und die etwaigen Mittel der Behebung der Missstände“23. Die umfangreichen Untersuchungen dauerten bis 1926. Zusammenfassend wurde festgestellt: „Das Hineinlassen von Schlamm und vielen Sulfaten schuldet also in der Hauptsache die Schäden. Hierfür kommt im Wesentlichen in Betracht die Stadtgemeinde Neunkirchen, das Neunkircher Eisenwerk und die Steinkohlengruben.“ Im Einzelnen hatten die Sachverständigen die folgenden schwebenden und gelösten Stoffe gefunden, die mit den Abwässern in die Blies gelangen: „Fäkalien, Harnbestandteile, Küchen- und Waschabgänge aus den Ortschaften, den Hütten- und Fabrikanlagen, Kohlenschlamm aus den Hütten- und Grubenanlagen, Schlackensand und Walzensinter aus der Hütte, Schmierölreste aus zahlreichen gewerblichen und industriellen Betrieben, gelöste Teerbestandteile aus den Kokereien der Grube Heinitz und der Neunkircher Hütte, gelöste Verwitterungsprodukte, hauptsächlich Sulfate, der Berg- und Schlackenhalden der Grube und der Hütte, gelöste Sulfate mit den Grubenwässern, Straßenschmutz von befestigten Teilen der Ortschaften und Anlagen.“ Man stellte aber auch fest, dass die Menge der eingeleiteten Abwässer sehr stark schwankt. „Wir haben beobachtet, wie der Sinnerbach eben noch als kohlschwarze Brühe floss, gleich darauf jedoch durchsichtig klar und nach kurzer Zeit wieder schwarz wie zuvor.“24 Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts scheint sich in der Öffentlichkeit und der Verwaltung der Blick etwas verschoben zu haben – weg von der unkritischen Begeisterung für die Industrialisierung hin zu einem wachsenden Gespür für Umwelt und Gesundheit. Im April 1930 stellte die Regierungskommission fest: „Die Beschwerden über Verunreinigung von Wasserläufen geben Veranlassung, die Frage der Reinhaltung der Gewässer eingehend zu prüfen… Infolgedessen hat die Regierungskommission beschlossen, … eine Kommission für Reinhaltung der Gewässer und Abwässerfragen im Saargebiet zu bilden.“ 25 Die bliesabwärts liegenden Gemeinden im Bezirk Homburg befassten sich Ende 1930 mit der Frage der Bliesregulierung. Alle verlangten von der Regierungskommission eine „Gesamtregulierung der Blies innerhalb der Saargrenze“. Die Hochwasserkatastrophen der letzten Jahre und die damit verbundenen Gefahren für Leben und Eigentum der Bevölkerung sowie die Gefahr für die Gesundheit der Bliesanwohner „erheischen gebieterisch eine baldige Änderung des derzeitigen gefahrvollen Zustandes“ heißt es im Bericht der Saar- und Blieszeitung vom 15. Dezember 1930. Die Regierungskommission habe bereits mitgeteilt, „dass sie gewillt sei, der Frage näher zu treten“. Trotz der unaufhaltsam steigenden Zahl der Arbeitslosen kam es nicht zur Umsetzung der Maßnahme. Vielleicht überschlugen sich die politischen Ereignisse in dieser Zeit des wachsenden Einflusses der Nationalsozialisten und ließen der Verwaltung wenig Raum für andere Überlegungen.
Quellennachweis: 23: Unterlagen zur Bliesregulierung II, Stadtarchiv Neunkirchen 18: 24: wie 23, 25: Saar- u. Blieszeitung Nr. 87 v. 12.4.1930.
Besichtigung statt Vortrag.
Am 1. Juli lädt der HVSN zu einer Führung durch das Maschinenbau Museum Herzog ein. Der Maschinenbestand der Firma Herzog ist seit der Firmengründung erhalten und in Teilen älter als die Firma selbst, da der Firmengründer, Philipp Herzog, fast nur gebrauchte Maschinen erworben hat. Daher reicht der heute bestehende Maschinenbestand in Teilen bis ins Jahr 1870 zurück. Treffpunkt ist in Neunkirchen, vor der Firma Herzog, Zweibrücker Str. 64 um 17 Uhr. Nichtmitglieder zahlen 3€. Gäste sind willkommen. Die eingenommenen Gelder sind als Spende für das Maschinenbaumuseum vorgesehen. © HVSN

.webp)

