Rückschritt für Inklusion
AWO kritisiert Kürzungen in der Kinder- und Jugendhilfe
Heute soll das 1. Kinder- und Jugendhilfestrukturreform-Gesetz im Kabinett beschlossen werden. Damit plant die Bundesregierung beträchtliche Einschnitte für Kinder, Jugendliche und Familien. Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) sieht darin erhebliche Rückschritte für die Inklusion von Kindern und Jugendlichen: Weil seit Jahren die kommunalen Ausgaben für die Kinder- und Jugendhilfe steigen, sollen nun individuelle Unterstützungsleistungen insbesondere bei komplexen Bedarfen verringert werden. Es gibt große Zweifel, dass diese Beschlüsse wirtschaftlich nachhaltig sind.
Ausdrücklich begrüßt die AWO ein Ziel der Reform: Ab 2028 soll die Zuständigkeit für alle Kinder und Jugendlichen bei den Jugendämtern gebündelt werden („inklusive Lösung“). Damit endet die jahrzehntelange Trennung zwischen Kinder-, Jugend- und Eingliederungshilfe, was Familien einen Zuständigkeitsdschungel aufzwang. Diese „Hilfen aus einer Hand" sind überfällig und werden von der AWO seit Jahren gefordert. Kritisiert wird die Ausgestaltung: Verantwortung wird in Strukturen verschoben, die bereits heute unter Personalmangel und finanzieller Überlastung leiden, ohne dass die Jugendämter dafür die nötigen Mittel erhalten. Inklusion ist kein Sparprojekt. Wird sie als eines angelegt, scheitert sie in der Praxis. Dies hat die AWO zuletzt mit Berechnungen zu den Folgekosten von Sozialkürzungen bei Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe nachgewiesen. Die Untersuchung, die der Bundesverband am 25. Juni 2026 anlässlich der Ministerpräsidentenkonferenz vorgelegt hat, zeigt: Die rein finanziellen Mehrwerte übersteigen die Kosten bereits kurz- bis mittelfristig. AWO-Landesgeschäftsführer Jürgen Nieser sagt dazu: „Mit der geplanten Reform verschlechtern sich die Chancen junger Menschen im Saarland. Die AWO ist sicher, dass Kinder, Jugendliche und Eltern dann nicht mehr bedarfsgerecht unterstützt, sondern auf bestehende und unzureichende Angebotsstrukturen verwiesen werden. Das ist kein Weg, den die AWO mittragen kann."
Saarland: Kürzungen treffen ein Land mit ohnehin hoher Armut
Im Saarland würde die Reform auf eine Ausgangslage treffen, die bereits jetzt zu den schwierigsten bundesweit gehört. Die Armutsgefährdungsquote der saarländischen Gesamtbevölkerung lag 2024 bei 20,8 Prozent und damit deutlich über dem Bundeswert. Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche: Rund 44.000 Kinder unter 18 Jahren – 28,3 Prozent – lebten im Saarland unterhalb der Armutsgrenze, bundesweit sind es 20,7 Prozent. Damit ist im Saarland mehr als jedes vierte Kind arm oder von Armut bedroht. Bei Alleinerziehenden liegt die Armutsquote im Land bei rund 40 Prozent. „Familien mit geringem Einkommen, insbesondere Alleinerziehende werden von den geplanten Einschnitten überproportional betroffen sein. Sie können fehlende Hilfen nicht durch eigene Mittel ausgleichen. Wo eine Hilfe zur Erziehung wegfällt und stattdessen auf ein Regelangebot verwiesen wird, das den Bedarf nicht deckt, entsteht keine Ersparnis, sondern eine Lücke. Armut verfestigt sich dann noch stärker über die Generation hinweg“, sagt Nieser. „Was in Berlin beschlossen wird, kommt im Saarland in jeder Jugendhilfeeinrichtung schmerzhaft an. Wer Geld hat, organisiert Unterstützung privat. Alle anderen bleiben ohne. Das ist ein Rückschritt für Inklusion und Chancengerechtigkeit.“
Die AWO wünscht sich vom Gesetzgeber, dass er diese Reform daran misst, was Kinder, Jugendliche und Eltern tatsächlich brauchen, und nicht daran, was sie kurzfristig einsparen kann und hofft auf kritische Fragen im Bundesrat. © AWO Saarland e. V., Landesgeschäftsstelle

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